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Roland Barthes (1915-1980) ist nach wie vor eine der zentralen Figuren der zeitgenössischen Philosophie und der kritischen Theorie, denn seine Beiträge zur Semiotik, Linguistik und Literaturtheorie sind für alle, die in diesen Wissensgebieten arbeiten, von grundlegender Bedeutung.

Wir möchten jedoch Barthes’ intimere philosophische Reisen vorstellen. Dort, in seiner Sentimentalität und in seiner zutiefst liebevollen Art, die Gespenster menschlicher Emotionalität durch Musik und Literatur zu erläutern, offenbart der französische Denker sein Denken als eine wunderbar eigentümliche Suche nach Nuancen, nach winzigen Unterschieden, die die endlosen Konfigurationen der menschlichen Existenz sichtbar machen.

Roland Barthes - Pulvis Art Urnen Philosophisches Tagebuch

 

Aus diesem Grund befasst sich der folgende Essay mit Barthes’ berühmtem „Trauertagebuch“ - einem zutiefst privaten Bekenntnisbuch, das er nach dem Tod seiner Mutter führte. Ein Tagebuch der Trauer, das jeden Bruch erkundet, den ein Verlust verursachen kann. Das „Trauertagebuch“ ist Barthes’ Zeugnis für das Fortbestehen einer Liebe und für den Mut, nicht nur den Mut, sondern auch die Hoffnungslosigkeit eines Trauernden offenzulegen.

 

Roland Barthes’ „Trauertagebuch“ gewidmet

Beim Verfassen dieser Notizen vertraue ich mich der Banalität in mir an. Der Banalität unserer Trauer. Ein nahezu unerträglicher Gedanke, nachdem wir die uns Nächsten verloren haben. Ein Gedanke, der in das eindringt, was man bei der Begegnung mit dem Tod eines geliebten Menschen nicht zu benennen wagt. Sich dem Gefühl zu stellen, dass es im Verlust keine Würde, keine Größe, keine Poesie gibt. Nur die Gewalt einer schroffen Abwesenheit, verlängert durch die Leichtigkeit der Wiederholungen des Lebens nach einem solch verheerenden Ereignis.

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Denn Barthes’ Trauernder lebt in einer Welt, die die Möglichkeit verwischt, den Tod in Kunst, in Bedeutung zu verwandeln. Gerade in dieser Erfahrung der Schroffheit der Trauer erblüht die Versuchung, grausam, narzisstisch und kleinlich zu werden. Eine Verlockung, den trivialen Vorgang des Todes und die von ihm hervorgebrachten Tränen zu bestrafen. Tränen, die dem Schreiben, dem Malen, dem Singen, also einer höheren Wahrheit, unzugänglich sind.

Hier zeigt sich Barthes’ philosophisches Denken nicht als Teil jener immerwährenden Pädagogik, die uns lehrt, wie man stirbt, sondern als eine Arbeit, die man der harten Wirklichkeit der Trauer widmet. Eine Hingabe, die die eigene wahre Verletzlichkeit offenlegt. Das heißt: eine fragile Offenheit, die nicht um ein einzelnes lebendes Ich kreist, das sein eigenes Ende fürchtet, sondern um ein Ich, das der reinen Abwesenheit eines geliebten Menschen ausgesetzt ist. In einer solchen Ausgesetztheit artikuliert sich die Ablehnung jeder Kompensation, die aus den vernünftigen Konstitutionen des Seins hervorgeht. Der Trauernde muss nicht teilen, ausgehen oder sich auf seine Arbeit konzentrieren, um Schmerz und Leid zu durchleben.

Denn der Mut eines Menschen, der sich der Trauer widmet, zeigt sich nicht in ihrer Überwindung, sondern darin, die obszöne Banalität des Verlusts zu bewahren. Die Bedeutung einer solchen wahnsinnigen Wache findet sich jedoch nicht in einer ebenso trivialen Annahme wie der, Trauer zu heilen, indem man sie bewahrt.

Was Barthes’ Denken zu erfassen versucht, ist eine Existenz im Fortbestehen einer Wunde. Einer unheilbaren Wunde, die zum tiefsten Wesen eines Menschen geworden ist. Und gerade diese Unheilbarkeit des Verlusts definiert nicht nur die Trauer, sondern konfrontiert uns auch mit der Wirklichkeit von etwas, das von Zeit und Raum losgelöst ist. Denn in der Trauer zu existieren bedeutet, in der Starre der Unendlichkeit zu verweilen. Die absolute Gegenwart der Endlosigkeit auszuhalten, verkörpert in der Abwesenheit des geliebten Anderen, die jeden Versuch vereitelt, den Trauernden in den Fluss des Seins zu integrieren.

Oder mit Barthes’ eigenen Worten:

[Mourning]

Nicht kontinuierlich, sondern unbeweglich.

 

Hier kann schließlich eine offensichtliche Frage gestellt werden. Wie ist das überhaupt auszuhalten? Wie wird man nicht grausam, egoistisch, kleinlich oder Schlimmeres? Barthes’ Antwort ist erneut quälend. Es ist nicht auszuhalten, und man wird all das, was man nicht ertragen kann.

Doch während die unbewegliche Leere der Trauer fortbesteht, sich vertieft und mit all ihrer bösartigen Banalität wiederkehrt, gibt es einen Augenblick der Stille.

Ruhiges Wochenende am 15. August; während das Radio Bartóks Der holzgeschnitzte Prinz sendet, lese ich dies (bei dem Besuch des Kashino-Tempels, den langen Bericht über Bashōs Reise): „Wir blieben lange Zeit in äußerster Stille sitzen.“
Sofort empfinde ich eine Art Satori, mild, beglückend, als würde meine Trauer gelindert, sublimiert, versöhnt, sich vertiefen, ohne nachzulassen - als würde „ich mich selbst wiederfinden“.
Satori bedeutet eine plötzliche Erleuchtung und stellt das spirituelle Ziel des Zen-Buddhismus dar.

 

Für Barthes’ Trauer bedeutet dies einen Moment der Neutralität, eine Stille, in der sich nichts verändert, nichts wirklich versöhnt oder überwunden ist. Das Einzige jedoch, was in diesem stillen Augenblick hindurchschimmert, ist die Gegenwart von mir selbst als jemandem in Trauer, als jemandem, der wirklich in seiner nicht nachlassenden Wunde existiert. Von diesem Aufflackern aus beginnt die Genesung. Nicht die Rückkehr zu einer früheren Lebensweise und auch nicht die Hoffnung auf eine geheilte Existenz, sondern die Annahme der absoluten Gegenwart von mir selbst in der Trauer. Eine Erkenntnis, die im Kern ein zutiefst großzügiger Akt gegenüber der Erinnerung an einen verlorenen geliebten Menschen ist. Denn diejenigen, die in Frieden ruhen, wollen nicht als die heimsuchenden Geister der Lebenden erinnert werden. Ihr Gebot ist die Gewissheit des Endgültigen. Das heißt, die Annahme von dem, was geschehen ist und sich nicht wiederholen kann…

Barthes begann, sein „Trauertagebuch“ am Tag nach dem Verlust seiner Mutter zu schreiben - am 25. Oktoberth 1977. Er führte es fast zwei Jahre lang. Der letzte datierte Eintrag stammt vom 15. Septemberth 1979. Er lautet:

Es gibt so traurige Morgen…

Eine wahrhaft banale Aussage, ein willkürliches Ende eines Lebens, das die Endlosigkeit des Verlusts erträgt. Ein zerbrechliches Denkmal für das, was sich nicht wiederholen kann…

Maman.

 

Autor: Yakim Petrov

Yakim Petrov - Pulvis Art Urnen Philosophisches Tagebuch

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1. Alle kursiv gesetzten Sätze sind Zitate aus:
Barthes, R. (2009). Mourning Diary. Übersetzt von Richard Howard. New York: Hill and Wang

2. Der Holzgeschnitzte Prinz ist ein einaktiges Pantomimenballett, das zwischen 1914 und 1916 von einem der berühmtesten ungarischen Komponisten, Béla Bartók, komponiert wurde.
3. Matsuo Bashō (1644-1694) war der berühmteste Dichter der Edo-Zeit in Japan.
4. Dies ist die von Merriam-Webster gegebene Definition von Satori.

 

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